Hintergrundbild trocken geputzte Tafel
Ausbilder erklärt Azubis etwas

15. August 2026

Sicherheit in der Ausbildung? Aber sicher!

Warum erst emotionale Sicherheit Eigenverantwortung ermöglicht

Sicherheit ist eines der psychologischen Grundbedürfnisse jedes Menschen und damit wesentlich für eine bedürfnis­orientierte Lern- und Erfolgs­begleitung. Warum es in der Begleitung von Auszubildenden wichtig ist, ihnen Schutzräume (oder neudeutsch Safe Spaces) zu ermöglichen und das Gefühl von psychischer und emotionaler Sicherheit zu vermitteln, möchte ich an einer fiktiven, aber typischen Fallstudie beschreiben.

Mensch wird von allen Seiten kritisiert und beschämt

Azubi mit Mathe-Schwierigkeiten

Es geht um einen fiktiven Azubi namens Tommy. Tommy hat Schwierigkeiten beim Rechnen. Es hagelt schlechte Noten, die Versetzung in das nächste Lehr­jahr ist gefährdet und das drückt insgesamt auf die Stimmung und Motivation. So weit die von außen sichtbaren Tatsachen.

Ein leider weit verbreiteter, rückwärts­orientierter Versuch, an der Situation etwas zu ändern, ist, Tommy zu sagen: Aber Du musst doch! Das gehört zur Ausbildung dazu. Die Erwartung ist Engagement und Lern­fortschritt im Mathe-Unterricht, dieser Erwartung wirst Du nicht gerecht. Alle starren – wie das Kaninchen auf die Schlange – ratlos auf Tommys Defizite. Auf Tommy wird eingeredet, er solle sich mehr Mühe geben. Aus seiner Sicht läuft es so bereits seit seiner Schulzeit. So tritt natürlich keine Besserung ein.

Ein vorwärts­orientierter Versuch, an der Situation etwas zu ändern, ist, von seinem aktuellen Kompetenzstand ausgehend zu fragen, was Tommy eigentlich genau an Unterstützung braucht, um für den Beruf notwendige Rechenfähigkeiten zu erlernen? Wohlgemerkt, nicht, es ihm zu erlassen oder es für ihn zun erledigen, sondern ihn dabei zu unterstützen es zu schaffen, eben weil er ja eigentlich seinen Ausbildungs­beruf erlernen möchte. Getreu meinem Motto:

Wie kann ich dich dabei unterstützen, damit dir gelingt, was du dir vorgenommen hast?

Es ist ohnehin klar, dass das Problem nicht darin besteht, dass Tommy den falschen Beruf gewählt hätte: seine persönliche Herausforderung hat offenkundig nichts mit der Berufs­wahl zu tun, und selbst wenn er aus anderen Gründen feststellen würde, dass er den falschen Ausbildungs­beruf gewählt hat, wäre er dort mit den gleichen Herausforderungen konfrontiert.

Junge Frau schaut aufwärts auf Pflanze und Stadt

Darf ich mir helfen lassen?

Nun denn, fragen wir Tommy, wie wir ihn unterstützen können. Und hier liegt häufig schon der erste Stolper­stein. Unterstützung oder Nachhilfe brauchen ja nur die Leistungs­schwachen. Allein die Frage zu stellen bedeutet also die Beschämung, zu dumm, zu schwach, nicht gut genug zu sein, um es selbst zu schaffen. Wer das wie Tommy verinnerlicht hat, startet nicht bei Null, sondern tief im roten Bereich, muss man doch sowohl gegen die eigenen negativen Glaubens­sätze als auch den fachlichen Rückstand kämpfen.

Ein weiteres Problem ist das folgende: nach Jahren der pädagogischen Bevormundung wissen viele junge Menschen nicht mehr, was es bedeutet, am Steuer des eigenen Bildungswagens zu sitzen. Wenn sie schon nicht selbst bestimmen und gestalten, sondern andere – die (vorgeben zu) wissen, was gut für sie ist – das permanent übernehmen, dann sollen jene gefälligst auch den Wagen ins Ziel steuern: der Lehrer soll es ihnen beibringen, soll es gut erklären, soll sie auf die Prüfung vorbereiten. Der Lehrer ist Akteur, die jungen Menschen betrachten sich selbst nur als dessen Werkstück. Scheitert das, so ist der Lehrer verantwortlich: er kann nicht gut erklären, er ist kein guter Lehrer, er hat seine Schüler schlecht auf die Prüfung vorbereitet. Das beliebte Schuld­spiel beginnt. In dieser Betrachtung kommen die Azubis als Akteure nicht vor.

Stetoskop auf Tuch

Keine Therapie ohne Diagnose

Stellen wir uns aber vor, Tommy versteht mit der Zeit, dass es in Ordnung ist, sich bei Schwierigkeiten Unterstützung zu holen. Dann wäre der nächste Schritt, dass er sich klarmacht, worin genau seine Herausforderung eigentlich besteht. Er könnte sich etwa kontrolliert und fremdbestimmt, überfordert oder allein gelassen fühlen. Er könnte den Zusammenhang zu seiner täglichen, praktischen Arbeit nicht erkennen. Vielleicht hat er obendrein objektive Einschränkungen wie eine Rechen­schwäche, ein schwach ausgeprägtes räumliches Vorstellungs­vermögen, oder aber eine Lese­schwäche, die es ihm erheblich erschwert, Aufgaben zu erfassen.

Wäre Tommy also bereit sich Unterstützung zu holen, müsste er also zwangsläufig mit jemandem über sehr persönliche Dinge sprechen. Diese Dinge könnten ihm zum Nachteil ausgelegt werden und womöglich empfindet er dafür tiefe Scham.

Roter Schutzhelm auf der Straße

Sicherheit

Und genau hier kommt es entscheidend (!) darauf an, Tommy das Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Er muss sich verletzlich zeigen dürfen, er muss persönliche Herausforderungen eingestehen und Schwäche zeigen können, ohne befürchten zu müssen, in seiner Würde und seinem Selbstwert angegriffen oder beschämt zu werden. Ohne zu wissen, was die persönlichen Herausforderungen eigentlich sind, kann man nur mit Pauschal­rezepten unterstützen, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu ihm passen.

Obendrein würden diese Pauschalrezepte von außen kommen und Tommy in seiner Selbst­wirksamkeit einschränken, muss er doch ans Steuer, selber erkennen, was das Problem ist, um dann selbst Lösungs­vorschläge zu entwickeln. Bei jedem dieser Schritte können selbst­verständlich andere Menschen mitwirken, wenn Tommy das wünscht. Nichts davon müsste Tommy allein machen, nur weil er am Steuer sitzen soll.

Die zentrale Stelle bei der Überwindung von solchen Herausforderungen in der Ausbildung (und grundsätzlich im Leben) ist also, diese zu erkennen und anderen Menschen mitzuteilen. Und das machen Menschen nur, wenn sie sich sicher genug fühlen.

Tafel mit dem Wort möglich

Eigenverantwortung

Das zum Sicherheits­gefühl passende Gegenstück ist übrigens die Eigenverantwortung. Stellen wir uns vor, Tommy befindet sich in einer sicheren Umgebung, einem Safe Space. Stellen wir uns vor, Tommy öffnet sich, reflektiert sich und sein Verhalten, und erkennt seine Ressourcen und seine Herausforderungen. Stellen wir uns vor, er teilt sich anderen Menschen in diesem Safe Space mit und findet seinen Ausweg. Dann ermöglicht ihm genau das Eigenverantwortung für sich und seinen Ausbildungsweg zu übernehmen; etwas, das er nicht getan hätte, wenn er fremder Leute Rezepte auf seine Situation angewendet hätte. Sicherheit ermöglicht und befördert Eigenverantwortung!

Sichere Mathematik-Lernbegleitung

Aus genau diesem Grund ist Sicherheit und Verschwiegenheit ein Wesensmerkmal meiner bedürfnis­orientierten Mathematik-Lern und Ausbildungs­begleitung. Die Teilnehmer dürfen jederzeit angst- und schamfrei sagen Das verstehe ich nicht., Ich habe mit diesem Thema Schwierigkeiten., Kannst du mir das bitte noch mal erklären/zeigen?, oder auch Nein, danke!. Von ihren Schwächen erfahren auch andere (etwa Kollegen oder Ausbilder) nichts, es sei denn, die Azubis wünschen eine Kommunikation nach außen.

Es ist insofern wie beim Arzt: erst die Sicherheit und die Verschwiegenheit ermöglichen Vertrauen und geben einen Raum, in dem Menschen sehr persönliche Misslichkeiten einem anderen Menschen anvertrauen. Ohne diese Sicherheit würden viele Menschen aus Scham lieber Schmerz und Krankheit erdulden, so wie viele Azubis tatenlos ihre unangenehme Situation erdulden.

Gleiches gilt für die Mathematik-Lernbegleitung: Ohne Sicherheit und Vertrauen würde ich möglicherweise nie erfahren, was das Problem ist, und würden wir mit den Azubis ganz sicher keine passenden Lösungsstrategien entwickeln.

Bildquellen
  1. Foto von Helena Lopes auf Unsplash
  2. Grafik von maulana ahmad auf Unsplash
  3. Grafik von Salman Ahmad auf Unsplash
  4. Foto von Ümit Yıldırım auf Unsplash
  5. Foto von Hush Naidoo Jade Photography auf Unsplash
  6. Foto von Towfiqu barbhuiya auf Unsplash
Daniel Karrasch

Über den Autor: Daniel Karrasch

Daniel Karrasch ist Lern- und Erfolgsbegleiter für Auszubildende und promovierter Mathematiker. Er beschäftigt sich intensiv mit Fragen der bedürfnisorientierten Begleitung junger Menschen. Privat ist er seit über 18 Jahren glücklich verheiratet und hat zwei bezaubernde Töchter.

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