28. Juli 2026
Vom Sinn (in) der Ausbildung
Kann man durch Sinn erklären
Auszubildende motivieren?
Ein regelmäßig diskutiertes Thema ist der beobachtete Mangel an Motivation bei Auszubildenden. Das wird
oft an fehlender Leistungsbereitschaft und Pünktlichkeit, an mutmaßlich fingierten Krankschreibungen
rund ums Wochenende, übermäßiger Smartphone- bzw. Social-Media-Nutzung und so weiter festgemacht.
Verständnisvolle Ausbildungsbegleiter rufen dann genauso regelmäßig dazu auf, die Azubis mit Sinn
(oder neudeutsch: purpose) zu motivieren. Nach dem Motto: wenn die jungen Menschen erst mal wissen, wozu
sie bestimmte Tätigkeiten ausführen oder bestimmte Dinge lernen sollen, dann steigt die Motivation.
Im Kern geht es also um die Frage, was Motivation fördert und inwieweit Sinn
damit zu tun hat.
Glücklicherweise ist dies die zentrale Frage in der Motivationswissenschaft. Das in diesem Gebiet
führende Modell ist die Selbstbestimmungstheorie (self-determination theory, kurz SDT). Die SDT wurde
von Richard Ryan und Edward Deci begründet und gemeinsam mit vielen Kollegen weltweit seit bald einem
halben Jahrhundert entwickelt. Interessanterweise kommt Sinn
dort allerdings nur am Rande vor.
Ein Wort zur Theorie: hin und wieder werden die Erkenntnisse der SDT als Hirngespinst irgendwelcher
Theoretiker aus dem Elfenbeinturm fernab der Realität heruntergespielt. Dabei wird dann auf einen
wahrgenommenen Widerspruch zur eigenen, praktischen Erfahrung verwiesen. Diese ehrlicherweise
wissenschaftsfeindliche Haltung ist unbegründet. Die SDT ist so praktisch
wie es ein
psychologisches Modell nur sein kann: sie speist sich aus den Beobachtungen unzähliger Experimente und
Studien weltweit, unter allen möglichen Altersgruppen und Kulturkreisen. Sie gilt deshalb als derzeit
erfolgreichstes Modell der Motivationswissenschaft, weil sie reales, beobachtbares Verhalten von
Menschen am umfassendsten erklärt und vorhersagt.
Psychologische Grundbedürfnisse
In der Selbstbestimmungstheorie wird der Mensch als aktiver, wachstumsorientierter Organismus
aufgefasst, der die natürliche Neigung hat, seine psychischen Teile zu einem einheitlichen
Selbstverständnis und sich selbst in größere soziale Gruppen zu integrieren. Allein das lohnt sich,
länger auf der Zunge zergehen zu lassen: Was, aktiver, wachstumsorientierter Organismus? Schüler und
Azubis von GenZ und GenAlpha eingeschlossen?
Ausdrücklich ja! Vermeintlich dem widersprechende
Beobachtungen lassen sich innerhalb der SDT erklären, dazu später mehr.
Diese Auffassung bedeutet, dass der Mensch im Grundzustand nicht am liebsten den ganzen Tag in der Hängematte faulenzt und sich nur dann bewegt, wenn ein körperliches Grundbedürfnis – oder die Androhung einer Strafe – ihn dazu veranlasst. Was aber motiviert denn nun einen ohnehin aktiven und wachstumsorientierten Organismus zu zielgerichtetem Handeln? Laut SDT ist es die Befriedigung der drei psychologischen Grundbedürfnisse Autonomie, Verbundenheit und Kompetenz. Den aktiven und wachstumsorientierten Menschen zieht es also zu jenen Handlungen, die ihm das Gefühl geben,
- Kontrolle über sein eigenes Leben auszuüben und Entscheidungen treffen zu können (Autonomie),
- Menschen um sich zu haben, die einem wichtig sind und denen man wichtig ist (Verbundenheit), und
- wirksam seine Umwelt durch Nutzung seiner Fähigkeiten zu gestalten und neue Fähigkeiten zu erwerben (Kompetenz).
Der Zweck von zielgerichtetem Handeln ist es, diese psychologischen Grundbedürfnisse zu befriedigen. Umgekehrt steigert die Möglichkeit, diese Grundbedürfnisse zu stillen – quasi definitionsgemäß – das psychologische Wachstum, die Integrität und das Wohlbefinden. Werden diese Grundbedürfnisse – eins oder mehrere – jedoch vereitelt, dann verhindert das psychologisches Wachstum/Reife und senkt Leistungsbereitschaft, Motivation und Wohlbefinden. Womit wir wieder beim oben angesprochenen Zustand der jungen Generation angekommen wären.
Warum Sinn allein kein guter Motivator sein kann
Das Problem mit Sinn als Ursache von Motivation ist eine mangelnde Rückkopplung an die Werte des (mehr
oder weniger) motivierten Menschen. Ein ausgedachtes, dramatisches Beispiel: Der Meister geht zum Azubi
und droht ihm Gewalt an, wenn er nicht eine bestimmte, entwürdigende Drecksarbeit macht. Ist es unter
diesen Umständen nicht wirklich sehr sinnvoll
, die Drecksarbeit zu machen? Müsste der Azubi unter
diesen Umständen dazu nicht hochmotiviert
sein? Würde sich diese Motivation nicht alsbald in
hoher Leistungsbereitschaft
äußern? Schließlich leistet er/sie doch sinnvolle
Arbeit?
Wirkt übertrieben, gar absurd? Gut, dann nehmen wir ein anderes Beispiel: einem Azubi, der regelmäßig zu
spät zur Arbeit erscheint, wird angedroht, die Ausbildungsvergütung einzubehalten, bis sich seine
Pünktlichkeit nachhaltig und deutlich verbessert. Ist es für den Azubi jetzt nicht sinnvoll
,
pünktlich zur Arbeit zu erscheinen? Sollte er dazu nicht hochmotiviert
sein? Sollte er auf die Art
nicht gleich eine Lektion fürs ganze Leben gelernt haben und motiviert sein, in Zukunft stets pünktlich zu
kommen, auch ohne jede äußere Drohung? Wohl kaum.
Die Beispiele zeigen, dass Sinn
für sich alleine genommen keine motivierende Kategorie sein kann.
So ist es auch nicht gemeint. Nur, wie begründet man das ohne Zuhilfenahme anderer Kategorien? Eben, das
Problem ist nicht der Sinn
, sondern dass in den obigen Beispielen alle drei psychologischen
Grundbedürfnisse vereitelt und damit Motivation und Wohlbefinden untergraben werden.
So erklärt sich, warum Menschen nicht zu vermeintlich sinnvollem
Handeln motiviert sind: es kommt
darauf an, ob das Sinnvolle auch bedürfnisbefriedigend ist, und inwieweit es mit dem inneren Wertesystem
des Betroffenen übereinstimmt. Die Gefahr besteht konkret, dass Ausbilder oder Vorgesetzte im Eifer zu
übergriffigen und bedürfnisvereitelnden Maßnahmen greifen, um dem Azubi den Sinn klarzumachen
, und
damit weder sich selbst, noch dem Unternehmen und schon gar nicht dem Azubi einen Gefallen tun.
Integration
Der SDT zufolge können wir uns Motivation als eine Größe vorstellen, die dem Typ nach auf einer Skala von externer Regulierung bis hin zu selbstbestimmter (autonomer) Regulierung liegt. Auf dieser Skala messen wir den Grad der Selbstbestimmung (Autonomie).
Die Stufen von gar keiner bis sehr viel Selbstbestimmung können mit einem leicht abgewandelten Beispiel von Deci & Ryan veranschaulicht werden. Betrachten wir exemplarisch eine Auszubildende der Konditorei und ihre Motivation, sich in der Ausbildung tatkräftig einzubringen, sich notwendige fachliche Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen und sich an Absprachen und Regeln zu halten.
- Ihre Motivation ist extern reguliert, wenn sie dazu von anderen schlichtweg gezwungen, mit Belohnungen geködert oder bei Abbruch/Abwesenheit mit Strafen bedroht wird.
-
Ihre Motivation ist introjiziert reguliert, wenn sie sich einredet, dass sich z.B. für
Menschen wie sie
eine Ausbildung gehört oder dass sie ohne Ausbildung nichts wert sei. - Ihre Motivation ist identifiziert reguliert, wenn die abgeschlossene Berufsausbildung ihr erlaubt, etwas zu tun, was für sie von hohem Wert ist: vielleicht Geld verdienen, Hobbys finanzieren, vielleicht aber auch etwas Ideelles wie die eigene Hochzeitstorte herzustellen.
In die Kategorie der autonomen Regulation fällt folgende Situation:
- Ihre Motivation ist integriert reguliert, wenn der angestrebte Beruf genau ihrem
Selbstverständnis, ihren Interessen und Werten entspricht, z.B.:
Ich bin (im Herzen) eine Konditorin. Um eine gute Konditorin zu sein bzw. zu werden, mache ich die Konditorsausbildung und versuche so viel wie möglich zu lernen.
Wobei ist diese Unterscheidung nun hilfreich? In der SDT geht man davon aus, dass Menschen die Tendenz
haben, externe Regulation in das eigene Selbstverständnis zu integrieren. Anschaulich gesprochen bedeutet
das, sich in der obigen Kette von Regulationen von oben nach unten durchzuhangeln. Nehmen wir als Beispiel
für externe Regulation
bestimmte Werte und Verhaltensweisen, die z.B. für Handwerker
selbstverständlich
sind: Präzision, Pünktlichkeit, Resilienz gegenüber körperlicher Anstrengung und
vieles mehr. Mit diesen Werten werden die meisten Menschen nicht unbedingt geboren. Aber von einem
Handwerker-Azubi wünschen wir uns, dass er/sie diese ursprünglich externen Werte sich zu eigen
macht
, sich aneignet
: genau das nennen wir Integration.
Diese Integration benötigt in erster Linie Verbundenheit und Kompetenz. Wenn unsere Auszubildende sich
nicht mit der Zielgruppe
, in diesem Fall den Konditoren, verbunden fühlt, und/oder für sie die
angestrebten Werte und Verhaltensweisen unerreichbar, unerfüllbar sind (mangels Kompetenz), dann findet
auch keine oder kaum Integration statt – wozu bzw. wie auch?
Die richtige Integrationsrakete startet aber erst, wenn sich Menschen obendrein die zu integrierenden,
äußeren Regulationen selbstbestimmt aneignen können. Sie müssen probieren (können), auf welchem Weg sie
ganz persönlich z.B. Präzision erreichen, Pünktlichkeit gewährleisten oder Widerstandsfähigkeit gegenüber
körperlichen Anforderungen erlangen. Und sie müssen dabei naturgemäß auch Fehler
machen dürfen.
Eine starke Fremdbestimmung auf diesem Weg (denken wir an die einbehaltene Ausbildungsvergütung) stellt
ein riesiges Hindernis bei der Integration dar! Selbstbestimmung ist der entscheidende Schlüssel bei der
Aneignung ursprünglich äußerer, fremder Anforderungen.
Sinn in der Ausbildung, sinnvolle Ausbildung
Der abschließende Clou ist, dass auf diese Weise auch wieder der Sinn
ins Spiel kommt. Wird ein
ursprünglich externes Berufsselbstverständnis durch erfüllte psychologische Grundbedürfnisse in das
eigene Selbstverständnis integriert, ergibt nichts mehr Sinn als sich diesem Selbstverständnis getreu zu
verhalten: präzise zu arbeiten, pünktlich zur Arbeit zu erscheinen und Projekte pünktlich abzuliefern, und
auch wenn es mal zwickt, Zähne zusammenzubeißen und beim Feierabend darüber zu lachen.
Wenn unsere Konditorei-Auszubildende auf ihre Art Wertschätzung für eine ordentliche und saubere Arbeitsumgebung entwickelt hat, ist es für sie sinnvoll und selbstverständlich, in der Küche Ordnung zu halten und die Arbeitsmittel zu putzen. Dann muss der Ausbilder oder die Vorgesetzte auch nicht wegen jeder Kleinigkeit seinen Azubis oder Mitarbeitern hinterherrennen und durch Strafandrohungen Konformität herbeiführen. Dann läuft es ganz von allein, einfach weil es sinnvoll ist.
Die Berücksichtigung psychologischer Grundbedürfnisse und die voranschreitende Integration lohnen sich
aus einem weiteren Grund: bei gleicher Motivationsstärke führen diejenigen Handlungen zu besseren
Ergebnissen, höherer Ausdauer und mehr Wohlbefinden, die möglichst autonom motiviert sind. In anderen
Worten, oft braucht es nicht mehr Motivation
, sondern mehr Autonomie, nicht mehr Lautstärke,
sondern eine andere Melodie! Bedürfnisorientierung kann damit zu einem wirtschaftlichen Faktor werden!
Deshalb: Sinn (in der Ausbildung) folgt aus der Integration externer Regulationen, die befördert wird aus der Befriedigung der drei psychologischen Grundbedürfnisse Verbundenheit, Kompetenz und allen voran Selbstbestimmung. Sinn ist also ein Ergebnis, keine Voraussetzung.
Referenz
Edward L. Deci and Richard M. Ryan, The What” and Why” of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior, Psychological Inquiry, 2000, Vol. 11, No. 4, 227–268.
Verweis
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